Auswahl von Berichten
Auguste Fabini: eine Mediascher Fotografin – von Gertrud Servatius-Hager und Inge Grasser
Mit neugierig, keckem Blick verfolgen zwei Augenpaare die Szenerie in den Straßen von Hermannstadt, die Kamera startklar, die Passanten im Visier. Unvermittelt, ohne Ankündigung fotografieren die beiden Fotografinnen Passanten, einfach so im Vorbeigehen. So gelingen Personenaufnahmen voller Spontaneität, natürlichem Ausdruck und in Bewegung, ein Gegenmodell zum klassischen wohlarrangierten Atelierfoto.
Es ist das Jahr 1926 und die beiden jungen Fotografinnen Auguste Fabini und Else Wolff sind erst seit kurzem von ausgiebigen Deutschlandreisen, „Lehr- und Wanderjahren“ zurück, voller Eindrücke, erster beruflicher Erfahrungen und neuer Impulse im fotografischen Handwerk.
Wir wissen nicht wie lange, wie intensiv und ob sie diese Art der Fotografie, der sogenannten Film-Geh-Aufnahmen nur in Hermannstadt betrieben haben. In Augustes privatem Reisealbum der Jahre 1921-1928 taucht das Fotomotiv Film-Geh-Aufnahmen, Menschen in Bewegung wiederholte Male auf. Eine neu mitgebrachte Idee, Hermannstadt ein erstes Experimentierfeld. Das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt widmet ihrem öffentlich fotografischen Tun am 23.11.1926 sogar einen sehr amüsiert-amüsanten Beitrag „Achtung, du wirst gefilmt“.

Aus Hermannstadt und Umgebung
(Achtung, du wirst gefilmt!) Wer in der letzten Zeit nach dem Westen gereist ist, dem ist in den Großstädten und Badeorten gewiss aufgefallen, hier und dort an einer Straßenecke, am Badestrand, auf einer Promenade oder sonstwo einen Filmoperateur zu sehen. Erstaunt blickt man sich um, wo es denn etwas Sehenswertes zu filmen gebe, da drückt jemand uns schon einen Zettel in die Hand, der uns freundlich einlädt, dort und dort unser Kinobild zu besichtigen und, wenn es uns gefällt, zu kaufen. Nun haben wir diese Neuerung auch bei uns. Zwei hübsche junge Damen, die in Berlin und an der Ostsee längere Zeit als Photographinnen tätig waren, haben sie uns gebracht. Ahnungslos und in Gedanken versunken gehst du deines Weges, da taucht plötzlich ein Filmapparat vor Dir auf. Rasch willst du ausweichen, doch schon ist´s zu spät, und du hast deinen Zettel mit der Nummer in der Hand. Und gehst du dann nach zwei Tagen zur Verkaufsstelle, der Buchhandlung Zoppelt in der Heltauergasse, dann findest du dort auf einer Postkarte zwei oder drei nette Bildchen von dir und musst der Behauptung des kleinen gelben Zettels recht geben: Das Kinobild ist das natürlichste Bild. Nur nimmst du dir fest vor, das nächstemal ein weniger verdutztes Gesicht zu machen. Und gib nur acht, bald wird Hermannstadt in den Ruf kommen, die freundlichste Stadt mit ewigem Lächeln auf dem Gesicht zu sein, denn immer musst du gefasst sein, gefilmt zu werden.
Im Jahr darauf, im Herbst 1927, eröffnen die beiden in Mediasch dann ihr erstes eigenes Fotoatelier, unter dem programmatischen Namen: „Werkstätte für bildmässige Fotografie FABINI & WOLFF“. Der Ausdruck „Werkstätte“ deutet dabei ein neues zeitgemäßes Verständnis für das künstlerisch, kreative Wirken der Fotografen an. Diesen mutigen Schritt vom Experimentieren zum eigenen Unternehmen mögen sie bei allem jugendlichen Schwung und Optimismus doch sorgfältig geplant haben. Im Zusammenhang mit solchen Überlegungen und Abwägungen ist der Ausspruch eines Onkels überliefert, als Auguste ihn bittet einzuschätzen, welche Chance ein neues Fotoatelier in Mediasch habe: „Was auf die Eitelkeit der Menschen geht, geht immer“, soll seine Antwort gewesen sein. Für Auguste Fabini ist die Ateliergründung der berufliche Beginn ihrer fast 40-jährigen fotografischen Tätigkeit in Mediasch.

Auguste Fabini, 1928.
Anzeigen in der Mediascher Zeitung.

Unmittelbar vor der Eröffnung des Ateliers am 1. November 1927.

Kurz vor Weihnachten 1927.

Else Wolff und Auguste Fabini im Ostseebad Arendsee, Sommer 1925.
Auguste Fabini wird am 12. Februar 1902 in Schäßburg in eine große Familie hinein geboren, als Jüngste von zehn Geschwistern. Ihr Vater Theodor Fabini, Gymnasialprofessor an der Bergschule in Schäßburg, hat da bereits drei Kinder aus erster Ehe und weitere sechs Kinder mit seiner zweiten Frau Luise, geb. Binder, also Augustes Mutter. Diese an sich schon recht stattliche Kernfamilie, in der Auguste aufwächst, ist nur ein Partikel der sehr zahlreichen und weitverzweigten Großfamilie Fabini, die über viele Generationen im Weinland zuhause, und um die Jahrhundertwende in Schäßburg und vor allem in Mediasch verankert war.
Überliefert ist ein Zitat über Augustes Mutter und ihren Umgang in der Familie: „Mit der lieben, herzensguten tapferen Mutter, die alle Situationen in der Familie mit ihrem feinen Taktgefühl und ihrem unermüdlichen Fleiß meisterte, hatte Auguste bestimmt eine gute und schöne Kindheit.“
Auguste Fabini, vielen eher unter ihrem Spitznamen Gusti bekannt, absolviert in Schäßburg die Volksschule und das Untergymnasium. Eine höhere Schulbildung, also das Obergymnasium, ist Mädchen zu der Zeit in den meisten Orten Siebenbürgens noch verwehrt.
Mit dem Ziel einen eigenen Beruf zu erlernen, um später auch finanziell unabhängig zu sein, besucht sie erst das Lehrerinnenseminar in Schäßburg, wie zuvor auch ihre ältere Schwester Josefine. Ohne Abschluss bricht sie die Ausbildung nach zwei Jahren ab und wendet sich der Fotografie zu. Sie geht bei der Fotografin Jetty Ernst in die Lehre, drei Jahre lang, von 1920-1923, wie ein Zeugnis belegt: „Zeugnis darüber, dass die am 12. Februar 1902 in Schäßburg geborene Gusti Fabini bei Frl. J. Ernst, Fotografin in Schäßburg, vom 20. Sept. 1920 bis 20. Sept. 1923 das Fotografenhandwerk erlernt hat. Der im Fotografenhandwerk bewiesene Fortschritt war ein guter. Schäßburg, den 26. Nov. 1924. Der Magistrat als Gewerbebehörde 1. Instanz: Karl Andrae.“
Für Auguste Fabini ist damit ein erster Grundstock zur Fotografin gelegt. Aber sie plant weiter. Sie ist jung, grad mal 22 Jahre alt, strebt hinaus in die Welt und möchte ihre Ausbildung fortsetzen. Über den VDA, den Verein für das Deutschtum im Ausland, erhält sie die Möglichkeit nach Deutschland zu reisen, als Haustochter in der Obhut einer Familie zu leben, mit der Aussicht, ihre fotografische Ausbildung dort fortzusetzen.
Sie reist am 30. November 1924 nach Kassel und wohnt als Haustochter erst bei Familie General von Lewinski und später bei Familie Probsthain. In beiden Familien wird sie liebevoll aufgenommen, verbringt dort Weihnachten und Sylvester, wird eingeladen zu Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung, u.a. zur Wartburg. Fotografien aus diesen Kasseler Wochen vermitteln etwas von familiär geselliger Atmosphäre, in der Auguste sich gut eingebunden fühlt.
Dank Vermittlung erhält sie in der Zeit eine Lehrstelle im Fotoatelier von Fräulein Kette in Kassel und kann dort am 25. Januar 1925 die Gehilfenprüfung (Gesellenprüfung) ablegen.
Über den VDA reist sie weiter nach Bad Hersfeld zu Familie Leni Biel im Haus Sonnenschein und verbringt hier die Februarwochen 2025. Dort erreicht sie ein erstes Stellenangebot, von der Berliner Fotografin Berta A. Kauffmann: „Dann kam die Nachricht von Frau Kauffmann aus Berlin, dass sie mich für 60 M. Anfangsgehalt anstellen will, ich habe gleich zugesagt, obwohl diese Summe für meinen Unterhalt nicht genügen würde.“ Wie es dazu kommt, dass eine Berliner Fotografin ausgerechnet die junge Auguste Fabini im fernen Kassel kontaktiert, ist nicht überliefert. Dass Frau Kauffmann wohl auch aus Siebenbürgen, aus Mühlbach stammen soll, und es darüber bereits Kontakte gab, könnte eine Erklärung sein.
Drei Monate hat Auguste Fabini unter dem familiären Schutz des VDA in Kassel und Bad Hersfeld verbracht. Sie empfindet „große Dankbarkeit“ für diese Chance, für diese Zeit. Ende Februar, am 27.02.1925 verlässt sie Bad Hersfeld und fährt nach Berlin, ihrer neuen, ersten Stelle entgegen.
Die Fotografin Berta A. Kauffmann führt zu der Zeit ihr Hauptatelier „Werkstatt für Kamerabildnisse“ in Berlin-Friedenau, in der Kaiserallee 79a. In den 1920er und 1930er Jahren betreibt sie ein weiteres Fotoatelier im Ostseebad Arendsee, wo sie auch Bedarfsartikel für Fotoamateure anbietet. Die Fotografie, das Fotografieren erlebt in den Jahren einen wahren Boom, auch in den touristisch stark besuchten Seebädern. Man lässt sich gern fotografieren und wird selbst zum Fotografen. Neue handlichere Kameras und die Verwendung des Rollfilms machen das Fotografieren auch Amateuren leichter. Die steigende Nachfrage zieht Profifotografen aus ganz Deutschland an die Küste, die hier in den Seebädern ihre Filialen einrichten.
Möglicherweise suchte auch Berta Kauffmann für das sommerliche Saisongeschäft in Arendsee eine Fotografin und stellt Auguste Fabini dafür ein. Es ist anzunehmen, dass Auguste im März 1925 ihre Arbeit erst im Berliner Hauptatelier beginnt und zur Sommersaison in die Filiale im Ostseebad Arendsee wechselt. Eine Reihe von Fotos aus Arendsee, Naturaufnahmen, Personengruppen, dynamisch, in Bewegung, nach Art der „Film-Geh-Aufnahmen“, Vergnügen am Strand, deuten einen längeren, auch geselligen Aufenthalt an. Hier trifft Auguste die ebenso junge Fotografin Else Wolff aus Hermannstadt. Es entwickelt sich offensichtlich eine Freundschaft, die die beiden Fotografinnen im Weiteren auch beruflich zusammenbringt. Ob die beiden sich bereits aus Siebenbürgen kannten? Fotos der beiden jungen Frauen, freundschaftlich, fröhlich daherkommend gehören mit zu diesen Arendsee Motiven.

Von Arendsee aus besucht Auguste Lübeck und Travemünde, im September das nahegelegene Seebad Heiligendamm. Und im Oktober 1925 tritt sie allmählich die Heimreise an, mit Aufenthalten in Leipzig und im böhmischen Aussig, an der Elbe, wo sie ihren Onkel Hermann Fabini und dessen Familie besucht, bevor sie dann im November wieder zuhause in Schäßburg eintrifft.
Anhand zahlreicher datierter Fotos aus diesen bewegten und für Auguste sicher auch sehr bewegenden Monaten, von Dezember 1924 bis November 1925, lässt sich ihre Reiseroute durch Deutschland nachzeichnen. Ein knappes Jahr unterwegs, fernab der Familie und der vertrauten Freunde, allein, auf sich gestellt. Eine Zeit, die neben den beruflichen Erfahrungen, auch für sie als junge Frau sicher ein wichtiger Schritt in ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben bedeuten. Beginnend mit dem mutigen Entschluss aus dem behüteten Zuhause allein ins ferne Deutschland zu reisen, anfangs noch unter der Obhut des VDA, ist sie ab März 1925 mit der ersten Anstellung in Berlin und Arendsee selbstverantwortlich in ihren Plänen. Sie genießt ihre Freiheit, lernt neue Landschaften und Orte kennen, knüpft neue Freundschaften.
1926 reist Auguste erneut nach Deutschland. Wieder ist ihre Reise durch Fotos gut dokumentiert. Über den Sommer ist sie, wie auch Else Wolff erneut im Ostseebad Arendsee, ist möglicherweise wieder im Kurhaus-Atelier Kauffmann engagiert. Neben Landschaftsfotos entstehen sehr private Fotos mit Freundinnen, darunter auch wieder Film-Geh-Aufnahmen, am Strand, im Ort Arendsee. Sie geben erneut einen Eindruck von dem anfangs beschriebenen Foto-Projekt, das Auguste Fabini Ende des Jahres 1926 dann mit Else Wolff in Hermannstadt einführen wird.
Im September verlässt Auguste Arendsee, reist über Alt-Gaarz nach Wismar (11.9.), Schwerin (12.9.), Hamburg (13.-14.9.), Helgoland (15.-17.9.) und in die Lüneburger Heide (19.9.). Über Dresden fährt sie im Oktober dann wieder nach Siebenbürgen zurück.
Es ist nicht belegt, ob und wo Auguste Fabini nach ihrer Rückkehr im Spätherbst 1926 als Fotografin tätig ist. Die experimentellen Film-Geh-Aufnahmen in Hermannstadt sind vermutlich nur eine kurze Episode. Vielmehr beschäftigt die beiden jungen Fotografinnen dann sicher die Idee und Planung des eigenen gemeinsamen Ateliers. Nicht in Hermannstadt, wo Else Wolff zuhause ist, nicht in Schäßburg, wo Auguste zuhause ist, sondern in Mediasch. Mediasch, nun, warum ausgerechnet Mediasch? Es können ganz pragmatische Gründe gewesen sein. Zum einen die geringe Konkurrenz. Soweit bekannt existiert in Mediasch in jenen Jahren nur das von Franz Sollich geführte Fotoatelier Ida Guggenberger, gelegen in bester Lage auf dem Großen Markt, im Guggenbergerhaus, mit Fenstern zum Hof. Im Jahr 1929 kommt das Atelier dann in den Besitz des Fotografen Franz Sollich und läuft fortan unter seinem Namen. Die Amateurfotografen Fritz Auner (1863-1936) und Johann Caspari (1863-1943) agieren zwar in Mediasch und Umgebung, widmen sich aber mehr der Landschafts- und Architekturfotografie und führen keine eigenen Ateliers. Haben die Fotografinnen auch die wirtschaftliche Situation der Stadt im Blick? Auch das wäre möglich, entwickelt sich Mediasch doch in jenen Jahren zu einem prosperierenden Industriestandort, mit wachsender Bevölkerungszahl und hat ein großes Umland mit zahlreichen Dörfern. Das verspricht gute Aussichten für wachsende Kundschaft. Und letztendlich könnten auch Auguste Fabinis zahlreiche familiäre Verbindungen nach Mediasch eine Rolle gespielt haben. Das stattliche Fabini-Familienhaus auf dem Großen Markt Nr. 5, in dem möglicherweise noch Atelierräume eines Fotografen Eduard Schuller verfügbar sind, der etliche Jahre zuvor hier wirkte (außer Annoncen im Mediascher Wochenblatt von 1898 gibt es leider keine weitere Kenntnis von ihm?).
Das zweigeschossige Fabinihaus mit der repräsentativen Marktfassade, mit großer Einfahrt und Geschäftslokalen zu beiden Seiten und den acht Rundbogenfenstern im Obergeschoss, gehört zu den stattlichen Häusern am Großen Markt. Es steht fast in Nachbarschaft zum Magistratsgebäude, auf Nummer 1, dem ehemalig Heydendorffschen Haus. Links und rechts des großen Einfahrtstores befinden sich Geschäftslokale. Das Langhaus, ebenfalls zweigeschossig, gesäumt von einer langen Galerie im Obergeschoss, zieht sich bis weit nach hinten in den Hof. Daran schließen sich ein Wirtschaftsgebäude und die ehemaligen Stallungen an. Das weitläufige Grundstück reicht bis in die Klettengasse, mit Hof und großem Garten. Die meisten Räumlichkeiten sind zu Augustes Zeit privat bewohnt. In einem Teil des Obergeschosses, im Langhaus befinden sich schon Ende des 19. Jahrhundert auch gewerblich genutzte Räume. Ob hier auch das Fotoatelier Schuller lag? Die Druckerei Feder, am Ausgang zur Klettengasse gelegen, hat ab den 1930er Jahren ihre Büroräume im Untergeschoss des Langhauses. Der Familienrat scheint einverstanden und so können Auguste Fabini und Else Wolff 1927 ihr Fotoatelier hier einrichten.


Die Eröffnung des Ateliers wird in der Mediascher Zeitung vom Sonnabend, 29. Oktober 1927 erstmals annonciert: „Eröffnung der Werkstätte für bildmäßige Fotografie. FABINI & WOLFF. Marktplatz. Künstlerische Porträtaufnahmen/ Einfachere, billige Aufnahmen/ Kinderaufnahmen/ Schnellste Lieferung von Passbildern, Architektur und technische Aufnahmen, Vergrößerungen und Reproduktionen, Kino – Reclam – Filme – Diapositive. Prompte, saubere Ausführung der Amateuren. Ein Lehrmädchen wird sofort aufgenommen.“ Ein umfangreicher Leistungskatalog, in dem neben den Profiaufnahmen der Fotografinnen von Beginn an auch Fotoarbeiten für Amateurfotografen angeboten werden, also Filmentwicklung und Fotoabzüge. Unter der Rubrik „Nachrichten vor Orte“, wird mit der kurzen Notiz: „vom 1. November an eröffnet“ das genaue Eröffnungsdatum bekannt gegeben. Eine fast textgleiche Annonce und Notiz wiederholt sich in der Mediascher Zeitung vom 5. November d. J. Und in der Adventszeit 1927 erscheint schließlich eine weitere Annonce mit grafisch gestalteter winterlicher Ansicht des Mediascher Kirchenkastells: „Ein schönes Weihnachtsgeschenk ist eine gut gelungene Fotografie. Foto-Werkstätte Fabini & Wolff. Marktplatz Nr. 5“. Nichts wird versäumt um das neue Atelier bekannt zu machen, so der geschickt gewählte Eröffnungstermin rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft und die intensive Bewerbung in der lokalen Presse. Die beiden Fotografinnen agieren professionell. Und soweit überliefert, scheint das Atelier von Beginn an auch gut zu laufen.
Im Jahr darauf, 1928, reist Auguste Fabini erneut nach Deutschland und legt in Berlin ihre Meisterprüfung ab. Mit diesem Zertifikat hat sie nun auch die formelle Qualifizierung als Fotografin und auch für die Ausbildung von Lehrlingen.
In welchen Räumen das Atelier Fabini & Wolff 1927 startete, ist nicht eindeutig, aber um 1930 befindet es sich im Obergeschoss des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes, großzügig ausgebaut ein Atelierraum mit heller Fensterfront zum Hof, einem Retuschierraum und zwei Dunkelkammern.
Für das gut laufende Atelier werden nach und nach mehr Mitarbeiterinnen eingestellt. Im Jahr 1935 gehören vier Angestellte zum Team: Josefine Fabini, Elsa Haab, Tilli Nikesch (später verehelichte Lechner) und Herta Fabini, bald erweitert um Hedi Kraus, Edda Rehner und Ilse Fabini. In den Jahren 1941 bis 1944 sind es bereits acht bis neun Mitarbeiterinnen. Zum festen Team um Josefine Fabini, Tilli Nikesch (Lechner), Herta Fabini und Ilse Fabini, kommen noch Lenchen Tontch, Hildegard Christ, Gertrud Müller, Herta Seiler, Margarete Kelp und eine gewisse Lonci hinzu. Zusätzlich werden immer auch Lehrmädchen ausgebildet.

An dieser Stelle seien ein paar Einzelheiten über die besonders gut ausgebildeten Fachkräfte genannt. Zu ihnen zählte Herta Fabini. Sie hatte eine Fotografen-Ausbildung in Berlin gemacht und war dort in einem renommierten Atelier tätig gewesen. Hier in Mediasch war sie verantwortlich in einer der beiden Dunkelkammern (Entwicklerräume) tätig und war Auguste Fabinis „beste Kraft“, wie Inge Grasser betont. Margarete Kelp, die eine künstlerische Ausbildung in Deutschland gemacht hatte, war im Atelier als Retuscheurin für die Bearbeitung der positiven, entwickelten Fotos zuständig, Herta Seiler für die Bearbeitung der Negative. Josefine Fabini, Augustes Schwester, brachte mit ihrer Erfahrung als Röntgenschwester gute Voraussetzungen für die fotografische Tätigkeit im Fotolabor mit. Sie kündigt ihre Stelle als Röntgenschwester bei Dr. Flechtenmacher in Kronstadt und kommt 1929 nach Mediasch, um ihrer Schwester im Atelier zu assistieren.
Im Jahr 1930 heiratet Else Wolff, tritt aus dem gemeinsamen Unternehmen aus und zieht wieder nach Hermannstadt. Über ihren weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. Ab da ist Auguste Fabini alleinige Inhaberin der jungen Firma, die künftig „Foto-Fabini“ heißt und ihre Fotografien mit dem Stempel „Foto-Atelier Gusti Fabini-Mediasch“ kennzeichnet.
Im Jahr 1940 wird auch das Untergeschoss des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes benötigt, entsteht hier ein eigenes Labor für Amateurfotografen mit zwei Räumen und einer Dunkelkammer. Hier werden Filme von Privatleuten entwickelt und Fotoabzüge gemacht. Hier befindet sich auch das große Negativ-Archiv. Während das Profi-Atelier im Obergeschoss unter Augustes Regie steht, leitet ihre Schwester Josefine das Amateur-Atelier. Sie betreut das umfangreiche Archiv im Obergeschoss mit Negativen, Fotoplatten und Filmaufnahmen, führt darüber ein genaues Registerverzeichnis und verantwortet außerdem die Buchhaltung des Unternehmens. Zu ihren Mitarbeiterinnen gehören Ilse Fabini und Herta Seiler.
Auguste Fabini arbeitet vorwiegend im Atelier. Porträtaufnahmen, Kinder- und Familienaufnahmen, Gruppenbilder, auch zu besonderen Anlässen wie Hochzeitsfotos sind Schwerpunkte ihres Repertoires, neben den stets nachgefragten Pass- und Ausweisfotografien. In manchen Familien mögen auch heute noch Fotografien aus ihrer Werkstatt existieren. Sie tragen häufig ihren Atelierstempel, sind in einem leichten gelb-bräunlichen chamois-Farbton gehalten und zeichnen sich durch weiche Kontraste aus. Zu Augustes Ausrüstung gehört eine professionelle Rolleiflex Kamera und ihren hohen Ansprüchen entsprechend verwendet sie im Labor und für die Fotoabzüge nur hochqualitative Materialien und Fotopapier, das sie im Ausland oder in Bukarest bestellt. Außenaufnahmen sind selten. Überliefert ist, dass Herta Fabini einmal zur Osterzeit in Stolzenburg fotografierte.



Josefine Fabini, Augustes Schwester, zu Weihnachten 1926. Porträtfotografie.
Josefine Fabini (Josi) am Fenster ihres Zimmers in Kronstadt 1927. Rauminszenierung mit Gegenlicht, ein Motiv das in Auguste Fabinis Fotografien öfter auftaucht.
Auguste Fabini, Profilaufnahme 1928.


Auguste Fabini lesend am Fenster ihres Zimmers, im Jahr 1931. Die Fotografie wirkt wie eine wohl arrangierte Raumkomposition, strahlt eine besinnlich, ruhige Stimmung aus.
Josefine Fabini mit Rosen, Weberln im Sommer 1943.
Die steigende Mitarbeiterinnenzahl und die Ausdehnung des Ateliers auf das gesamte Gebäude zeigen, welchen Aufschwung das Fotoatelier in den Zwischenkriegsjahren erlebt. Die positive Entwicklung erzählt von der Beliebtheit des Ateliers und der wachsenden Nachfrage in Mediasch und in den umliegenden Dörfern nach qualitativ hochwertigen Fotografien und dem wachsenden Interesse der Hobbyfotografen an einem guten Labor. Vor den Feiertagen, besonders vor Weihnachten oder zu familiären Feiern und Anlässen stapeln sich die Aufträge und fordern Auguste und Margarethe Kelp, die Retuscheurin, oft bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Fotografien sind eben auch beliebte Geschenke zu den Feiertagen.
Im November 1930 beziehen Auguste und ihre ältere Schwester Josefine dann die neue gemeinsame Wohnung im Hof des Fabinihauses, errichtet auf dem Grund des ehemaligen Stallgebäudes, gleich neben dem Ateliergebäude. Die beiden Schwestern verstehen sich zeitlebens gut, harmonieren in großer Freundschaft und einer äußerst großherzigen und fürsorglichen Zuneigung zur Familie, zu ihren Nichten und Neffen, die sie wie eigene Kinder lieben und auch in schwierigen Zeiten ganz selbstlos unterstützen. So nehmen sie ihre Nichte Inge Fabini (verehlichte Grasser) in den Jahren 1941 bis 1944 als Schülerin bei sich auf. Über 40 Jahre, bis an ihr Lebensende unzertrennlich, führen die Schwestern einen gemeinsamen Haushalt, ergänzen sich in ihren Interessen und Gaben. Josefine ist feingeistig, liebevoll zugewandt, belesen und perfekt in hauswirtschaftlichen Dingen, Auguste sportlich, künstlerisch begabt, aber auch eine pragmatische Geschäftsfrau. Beide sind musisch und literarisch gebildet, lieben Kunst, Musik und Literatur, spielen Laute sind liebend gern in der Natur.

Wanderung zum Hohenstein/Karpaten, im Sommer 1924 war Auguste Fabini mit dem Turnverein dort unterwegs.

Fröhliche Wanderung mit Freunden bei Großau, im Januar 1927, nach Art der „Film-Geh-Aufnahmen“.

Fröhliche Geburtstagsrunde im Weberl zu Josefine Roths (Fini) Geburtstag am 10. April 1939. Josefine Roth (Cousine der Fabinischwestern) in der Mitte mit Blumenränzchen geschmückt.

Gratulantinnen nahen mit Geschenken zu Josefine Fabinis (Josi) Geburtstagsfest am 21.April 1939 im Weberln. Mit dabei Freundin Margarete Roth (Pitzi), 2.v.l. und Cousine Josefine Roth (Fini), 3.v.l.
Auf der Suche nach einem Ort zum Ausruhen und Erholen finden sie im Weberln, einem stillen Tal am Rande der Stadt ein Grundstück. 1936 bauen sie dort ihr kleines gemütliches Wochenendhaus. Außer Weinbergen, Feldern, Wald und Wiesen gibt es nur zwei weitere Nachbarn. Der Ort wird besonders in den Sommermonaten zu ihrer kleinen Flucht, zu ihrem „Ruhetal“ inmitten der Natur. Ein Treffpunkt für Familie und Freunde und vergnügte Feiern, auch für Geburtstagsfeste mit den Angestellten des Ateliers. Unvergesslich das Grammophon, zu dessen Klängen auch fröhlich getanzt wurde. Ein eigenes Album und Josefines Aufzeichnungen halten diese unbeschwerten Jahre fest. Manchmal treibt es die Schwestern und ihre Freunde auch weiter weg, zum Wandern in die Karpaten, und alljährlich nach Manjapunar (heute Costineşti) am Schwarzen Meer.
Die gute Entwicklung des Foto-Ateliers, all das Schöne und Selbstgeschaffene kommt im August 1944 ganz plötzlich zum Stillstand. Sicher, der Krieg war schon länger ein grausamer Begleiter, aber mehr in der Ferne, in Mediasch nicht unmittelbar präsent. Die Wende in der rumänischen Politik zum 23. August 1944 wird jedoch unmittelbar und grässlich spürbar auch in Mediasch. Einmarsch und Übergriffe sowjetischen und rumänischen Militärs, Plünderungen, Enteignungsmaßnahmen, Rauswurf aus der eigenen Wohnung verändern das Leben, den Alltag jedes Einzelnen gewaltsam von einem zum anderen Tag.
Auch Auguste Fabini und Josefine sind davon betroffen. Nach der Enteignung und dem Rausschmiss aus ihrer Wohnung, die ein rumänischer Offizier bekommt, kommen sie im Amateuratelier unter, richten sich dort notdürftig ein, und dürfen Ende der 1940er Jahre in eine freiwerdende Wohnung im Obergeschoss des Fabinihauses umziehen. Trotz sehr beengter Wohnverhältnisse und schwieriger Umstände nehmen sie selbst in dieser Zeit Kinder von Freunden, aber auch ihre Nichten und Neffen bei sich auf, die hier in Mediasch das Gymnasium besuchen.
Das Ferienhäuschen im Weberln wird ebenso enteignet und geplündert. Nach ein paar Jahren gelingt da jedoch eine Rückgabe. Mitte der 1950er Jahren erwerben die beiden Schwestern ein hübsches Haus in der Strandgasse, nahe der Kokel, wo sie bis an ihr Lebensende wohnen.
Und Augustes Foto-Atelier? Das Amateuratelier schließt 1944 endgültig. Das Profi-Atelier darf privat weiterbestehen, unter Augustes Leitung, hat aber mit hohen Steuern zu kämpfen. Die Zahl der Angestellten wird auf vier reduziert: Josefine Fabini, Herta Fabini, Ilse Fabini (bis zur Heirat 1948 oder 1949) und Margarethe Kelp. Renate Fabini, Inges Schwester Renate Fabini arbeitet ein Jahr als Lehrmädchen mit. Trotz schwerer Zeiten läuft das Atelier weiterhin gut, ist nachgefragt. Damit gelingt es Auguste Fabini, die Familie ihres Bruders während dessen Russlanddeportation zu unterstützen.
1955 kommt Karl Grasser als Lehrling ins Atelier, absolviert hier die Gesellenprüfung und später auch die Meisterprüfung. Als das Atelier im Jahr 1960 enteignet wird, übernimmt er die Leitung des Ateliers. Auguste Fabini wird plötzlich in ihrem Atelier zur Angestellten. Immerhin sind noch ein paar der vertrauten Mitarbeiterinnen dabei: Herta Fabini, Herta Wenzel (geb. Seiler) und Margarethe Kelp. Nach der Enteignung wird das Atelier der Cooperativa Victoria angegliedert, verbleibt aber vorerst am alten Standort. Etwa 1964 erfolgt der Umzug in das neu errichtete Gebäude der Cooperativa Victoria, an der Straße zwischen Karresfabrik und Gemüsemarkt. Ein großes Gebäude mit vielen verschiedenen Handwerksbetrieben und Geschäften, wie Inge und Karl Grasser sich erinnern. Es ist unklar, ob Auguste Fabini den Umzug noch mitmacht oder ob sie da bereits im Ruhestand ist. Im Jahr 1965 tritt Karl Grasser aus dem Atelier aus und Herta Wenzel übernimmt die Leitung. Wie lange sie das Atelier weiterführt, bis wann das Atelier überhaupt noch weiterbersteht, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. In das ursprüngliche Atelier im Fabinihaus zieht ein rumänischer Fotograf ein, eine unschöne Episode. Ebenso wenig ist bekannt, wie lange ein Fotoatelier dort weiter existiert hat.
Auguste Fabini findet sich unter den neuen politischen Verhältnissen nach dem Krieg als zugleich Betroffene und Handelnde wieder. Betroffen durch die materiellen Verluste, gelingt es ihr dennoch, das Fotoatelier etliche Jahre erfolgreich weiterzuführen. Die Atelierarbeit leidet allerdings unter den erschwerten äußeren Bedingungen. Einerseits unter den existentiellen Unsicherheiten durch immer neue Restriktionen, dann wegen der Beschaffungsprobleme für qualitätsvolles Fotomaterial. Nur unter großen Schwierigkeiten gelingt es Auguste Fabini eine Zeit lang noch gutes, ausländisches Material, wie Filme und Fotopapier zu beschaffen, über Mittler aus Bukarest. Nach der Überleitung in die Cooperativa ist das so nicht mehr möglich und das im Inland (Târgu Mureş) produzierte Papier ist von schlechter Qualität. Außer den privaten Aufträgen, besonders Hochzeitsbilder sind weiterhin sehr nachgefragt, müssen in jenen Jahren, nach Einbindung in die Cooperativa, auch öffentliche Aufträge bearbeitet werden, so auch für die kommunistische Partei. Der junge Fotograf Karl Grasser übernimmt solche Aufträge und ist in der Stadt und auf den Dörfern unterwegs um Fotos von Parteimitgliedern zu machen.
Der schön gepflegte Blumengarten, die Nussknackerhexe oder Apfelkerzen zur Adventszeit, sind Erinnerungen an das gemütliche Heim in der Strandgasse, wenn man in elterlicher Begleitung zu einem Fototermin bei Gustitante in die Strandgasse geführt, und von den beiden Fabini Schwestern herzig und liebevoll begrüßt wurde. Als Fotografin sehr geschätzt, hat Auguste Fabini solang es ihr möglich war, im Privaten weitergearbeitet, für Familie- und Freundeskreis. Mit ihrer Schwester Josefine führte sie im Haus in der Strandgasse ein beschauliches Leben, geliebt und verehrt von der Familie, hochgeschätzt im Freundeskreis. Auguste Fabini starb am 30. Januar 1977. Auf dem Mediascher Friedhof erinnert ein schöner Grabstein an sie und ihre am 13. März 1979 verstorbene Schwester Josefine. Ist es Zufall, dass die Farbe des Grabsteins so sehr dem warmen Chamoiston auf den Fotografien Auguste Fabinis ähnelt?
Ein großes Fragezeichen schwebt über dem Verbleib des umfangreichen Archivs mit Negativen, Fotoplatten und Filmen, also dem Verbleib des fotografischen Vermächtnisses von Auguste Fabini. Was ging nach 1944, nach der Enteignung und dem Umzug ins Cooperativa-Gebäude verloren? Was hat die Zeiten überdauert und befindet sich irgendwo in hoffentlich sicheren Händen?
Nachwort
Dieser Beitrag über die Fotografin Auguste Fabini wäre ohne die Mithilfe von Inge Grasser, einer Nichte der Fotografin, nicht in dieser Weise möglich geworden. Für die gute Zusammenarbeit, den regen Austausch und die bereitgestellten Schriften und Fotografien möchte ich Inge Grasser und auch Karl Grasser an dieser Stelle ganz herzlich danken. Ihr Wissensschatz und ihr mit größter Sorgfalt geordnetes Familienarchiv sind die entscheidende Grundlage für diesen Beitrag, lassen die Erinnerung an das Leben und Wirken der Fotografin Auguste Fabini wieder lebendig werden und fügen sich zu einem Bild dieser Mediascher Persönlichkeit. So erleben wir Auguste Fabini in ihrer Bedeutung als Mediascher Fotografin, und auch der Selbstverständlichkeit mit der sie als Frau ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben führte, zu einer Zeit als das für Frauen noch nicht selbstverständlich war.
Porträtaufnahmen, Kinder- und Familienaufnahmen









