MIB-Dez. 2025-Karl Fernengel-Lebenserinnerungen

                Auswahl von Berichten

Der Erste und der Zweite Weltkrieg waren im 20. Jahrhundert zwei katastrophale und einschneidende Ereignisse, die auch für das Schicksal der Siebenbürger Sachsen tiefgreifende Konsequenzen hatten, mit dem Ergebnis, dass sie gegen Ende des Jahrhunderts ihren seit Menschengedenken angestammten Lebensraum mehrheitlich verlassen haben. Die Historiker haben sich mit diesem Geschehen intensiv auseinandergesetzt, so dass es mittlerweile eine reiche Literatur über das kollektive Schicksal unseres Volkes gibt. Man darf aber nicht vergessen, dass das kollektive Schicksal einer menschlichen Gemeinschaft sich aus der Summe von Einzelschicksalen, von Individuen und Familien zusammensetzt und kollektives Schicksal und Einzelschicksale sich wechselseitig bedingen. Hierzu gibt es vergleichsweise wenige Quellen, vor allem was das Leben in den späten 1930er Jahren angeht, in denen sich auch die sächsische Gemeinschaft zunehmend nach rechts radikalisierte, sowie die Jahre unmittelbar nach dem Krieg, als viele junge Männer, die seinerzeit in der Waffen-SS in den Krieg gezogen waren, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten und sich im zerstörten Deutschland eine neue Existenz aufbauen mussten. Es ist ein Glücksgriff, dass der Redaktion des Mediascher Infoblattes die Erinnerungen von Karl Fernengel (den ältesten Mediaschern vielleicht auch mit seinem Spitznamen „Kasch“ bekannt) zur Verfügung gestellt wurden, der in dieser Zeit gelebt hat und seine Erlebnisse recht ausführlich festgehalten hat. Er beginnt seinen Lebensbericht mit den Worten: „Im Folgenden will ich versuchen meinen Lebenslauf zu Papier zu bringen. Falls eines meiner Enkelkinder daran Interesse haben sollte, so sollen doch einige Stationen meines Lebens festgehalten sein, um der Nachwelt zur Kenntnis gebracht zu werden.“ Diesen Wunsch wollen seine Nachkommen nun erfüllen. (hd).

Von Österreich-Ungarn über Rumänien ins Nachkriegsdeutschland – Lebenserinnerungen von Karl Fernengel 

Geboren wurde ich am 19. März 1913 in Mediasch/Siebenbürgen in der oberen Schmiedgasse Nr. 19, als Sohn des Schneidermeisters Karl Fernengel und seiner Frau Adolfine geb. Flegel. Nachdem der 19.3. auch der Tag des heiligen Joseph ist, erhielt ich dem Brauch entsprechend als zweiten Taufnamen „Josef“.

Mediasch gehörte damals zur Österreich-Ungarischen Monarchie und seit ich nun in Rente bin und eigentlich nicht mehr zur Arbeit gehe, habe ich mich, so am Rande, mit dem Sammeln meiner Ahnendaten beschäftigt. Die Vorfahren väterlicherseits (Fernengel) konnte ich von heute bis zum Jahre 1744 zurückverfolgen, während die Vorfahren meiner Mutter (Flegel) bis teilweise 1719 zurückreichen.

Meine ältesten Erinnerungen reichen zurück bis in das Jahr 1916, als die Rumänen in Siebenbürgen einfielen und die deutsche Bevölkerung sich vor den heranrückenden Truppen auf die Flucht begab. Meine Mutter floh mit mir bis nach Wien zu meinen Großeltern. Die Flucht begann an einem düsteren regnerischen Nachmittag auf dem Bahnhof in Mediasch, wo die Flüchtlinge mit Kind und Kegel in offene Waggons verfrachtet wurden. Meine Mutter lief noch schnell nach Hause, um die Plane, die Vater immer zum Abdecken seines Marktstandes brauchte, zu holen. Mit dieser Plane wurde der offene Waggon über zwei Ecken zugedeckt, so dass die Kinder halbwegs im Trockenen waren. Diese Flucht endete in Wien und wir wurden von meinen Großeltern aufgenommen. Nach Kriegsende fuhr meine Mutter mit mir wieder nach Mediasch zurück und wollte, so erzählte sie mir später, die bei unserem „Gustonkel“, einem Bruder meines Großvaters, zurückgelassenen Warenbestände (Tuche, Stoffe und Werkstatteinrichtung) abholen. Diese Bemühungen meiner Mutter gingen ins Leere und es wurde ihr erklärt, die Rumänen hätten beim Einmarsch alles beschlagnahmt und nichts sei mehr vorhanden.

Nach Kriegsende kam mein Vater aus italienischer Kriegsgefangenschaft zurück und begann gleich mit dem neuerlichen Aufbau seines Geschäftes. Inzwischen war das Jahr 1919 herangekommen und Siebenbürgen wurde durch die Friedensverträge Teil des Königreichs Rumänien, und so wurde ich – ohne mein Zutun – rumänischer Staatsbürger.

Mein Vater war spezialisiert auf bäuerliche Kleidung und hatte so seine Hauptkundschaft in den Dörfern aus der näheren und weiteren Umgebung von Mediasch, wie Durles, Kirtsch, Puschendorf, Bogeschdorf, Bassen bis nach Langenthal und Blasendorf. Vaters Geschäft ging sehr gut und er beschäftigte damals 3 – 5 Gesellen und 3 – 4 Lehrjungen. Die Lehrjungen lebten mit Kost und Quartier in unserem Haus. Die großen Markttage, zu denen die Bauern der Umgebung mit Fuhrwerken kamen, waren im Jahresablauf große Tage, auch für einen Handwerksmeister wie mein Vater, da wurde die Lehrjungenkammer ausgeräumt und Stroh aufgeschüttet und mit Leintüchern abgedeckt, um der Kundschaft ein Nachtlager zu bieten.

Als eine Folge der Kriegsgefangenschaft stellten sich bei meinem Vater zusehends sich verstärkende asthmatische Anfälle ein, die dazu führten, dass er seinen Beruf nicht mehr in dem erforderlichen Maße ausüben konnte. Meine Eltern besaßen zu der Zeit an der Straße nach Durles einen schönen Grundbesitz mit Weingarten und die Ärzte rieten meinem Vater, sich dort an der frischen Luft aufzuhalten. Aus diesem Grunde verkaufte mein Vater aus dem unteren Teil des Weingartens zwei Parzellen. Beide Verkäufe waren mit der Auflage verbunden, dass die Neubesitzer dort bauen und wohnen werden. Auf unserem Teil wurde gleich ein Brunnen gebohrt, so dass für die Bauten genügend Wasser vorhanden war.

Meine Mutter fand damals eine Stellung als Sekretärin beim Generaldirektor der damals gegründeten Emaille Fabrik Peter Westen AG. Die Fa. Westen erwarb auch die an der Durleser Straße befindliche Ziegelfabrik von Adolf Haltrich. Aus dem Abriss der alten Brennöfen erhielten meine Eltern das zum Hausbau erforderliche Ziegelmaterial. Das Haus, das meine Eltern hier bauten, lag etwa vier Kilometer außerhalb der Stadt am rechten Kokelufer. Diesen Weg musste ich täglich einige Male zurücklegen, morgens zur Schule, mittags heim und nachmittags wieder zur Schule und abends heim.

Karl Fernengel mit seinen Eltern, dem Schneidermeister Carl Fernengel (1882-1929) und seiner Gattin Adolfine geb. Flegel (1887-1931).

Karl Fernengel und seine Schwester.

Mit sieben Jahren, also 1920, begann für mich die Schule in der deutschen evangelischen Volksschule, die ich vier Jahre besuchte und dann in das „Stefan-Ludwig-Roth-Gymnasium“ wechselte. Der Besuch der Volkschule war nicht immer nur mit reiner Freude verbunden. Damals herrschte sehr viel Strenge und der „Rohrstock“ war eigentlich das sogenannte „Erziehungsmittel“! Es gehörte oft viel innerer Frohsinn dazu um diese Dinge, wie ich glaube, ohne Schaden einfach wegstecken zu können und trotzdem eine fröhliche und schöne Jugendzeit zu erleben. Dazu gehörte aber auch die große Anzahl von Buben und Freunden in der Schmiedgasse, die nach Schulschluss auf der Mauer vor unserem Hause saßen und manchen Streich ausheckten. Es waren dies Familie Pelger mit drei Buben: Stefan (genannt Steppes), Helmut (Ludo) und Horst; von Familie Roth drei Buben: Viktor, Hans und Martin; Familie Silbernagel ein Bub: Franz; Familie Fernengel ein Bub: Karl (genannt Kasch); Familie Wagner fünf Buben: Andreas (Bandi), Fritz, Wilhelm, Josef und Otto, Familie Mergler ein Bub: Heinrich; Familie Schneider ein Bub: Heinrich (Schwera); Familie Schibschid ein Bub: Hermann; Familie Kühn ein Bub: Daniel (Danzi); Familie Frick ein Bub: Wilhelm (Bubi); Familie Schuster ein Bub: Wilhelm (Gangi); Familie Zikeli zwei Buben: Hans (Zicker) und Wilhelm; Familie Schneider zwei Buben: Hermann und Fritz; Familie Lapadatu ein Bub: Emil. Zusammen 24 Buben – eine stattliche Rasselbande!

Unser Spielrevier waren die obere Schmiedgasse, der Zigeunerberg, die Eisgasse und, wenn es weiter wegging, der „Galgenberg“ und der „Ferne Tannenwald“, wo wir unsere Hütten bauten und wilde Spiele veranstalteten. Im Sommer waren wir meistens an den Ufern und in der Kokel zu finden, die wir bis nach Durles – einem sächsischen Dorf flussaufwärts – verunsicherten und mit unseren selbstgebastelten Kähnen auf Fischfang aus waren oder abseits in der „Meschner Bach“ nach Krebsen suchten, die wir brieten und verzehrten. Manchmal waren die Spiele und unser Treiben so schön, dass wir darüber Essen und Heimweg vergaßen und das setzte dann auch meist eine gute Abreibung von väterlicher Hand. Meine Mutter war in dieser Richtung eher zurückhaltend und versuchte es mit mütterlichem Trost zu mildern; wenn es ganz hart wurde, dann war Trost immer bei Frau Zikeli, der Mutter meiner Freunde, zu finden. Damals standen noch Reste der alten Stadtmauer mit ihren Bögen und Nischen, die uns als willkommene Verstecke bei unseren Spielen dienten. Das war immer ein Rennen und Toben um die Stadtmauer und den Zigeunerberg hinauf und hinunter. Wenn es dann zu arg wurde, und das war fast täglich der Fall, dann kam Frau Roth, die damals das Backhaus der Nachbarschaft führte, heraus und versuchte, den einen oder anderen zu packen. Ich muss sagen: meist mit geringem Erfolg!

Die Obere Schmiedgasse – der wichtigste Ort der Kindheit von Karl Fernengel. Da wo heute ein Eisengitter den Höhenunterscheid zwischen den beiden Häuserzeilen markiert, befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Mäuerchen, an der sich die „Rasselbande“, wie Karl Fernengel seine Spielkameraden bezeichnete, ihr Mütchen austoben konnten.

Trotz allem habe ich die Volkschule mit annehmbarem Erfolg absolviert und bin nach der vierten Klasse in das Gymnasium gewechselt. Die erste Gymnasialklasse war insofern interessant, als es damals in Mediasch noch kein Gymnasium für Mädchen gab und so die erste Gymnasialklasse (Prima) eine gemischte Klasse war. Für uns Gassenbesen waren die Mädchen vollkommen uninteressant und ein ständiger Grund für Ärgernis wegen „Streberei“. Als dann der Umzug der Mädchen in das Mädchengymnasium in der Rothgasse erfolgte, waren wir sehr erleichtert!

Zu dieser Zeit bestand unter den Schülern der Gymnasialklassen eine Wandergruppe, die sich damals in der Hauptsache aus Kindern der Professoren und aus Kindern der besser bemittelten Bürger zusammensetzte. Erst als ich in der zweiten Klasse des Gymnasiums war und von meinem Freund Pelger Helmut (Ludo) eingeführt wurde, fand ich auch Aufnahme in diesen Kreis. Aus diesen Wandergruppen in verschiedenen Städten Siebenbürgens entstand dann der „Südostdeutsche Wandervogel“. Diese damalige Jugendbewegung sollte prägend für meine ganze Entwicklung und mein späteres Leben werden. Wir lehnten es ab, die damals veralteten Erziehungsmethoden für uns zu akzeptieren und erhoben für jeden von uns die Forderung „aus eigener Bestimmung, in eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit unser Leben zu bestimmen“. Vor allen Dingen wurden eine starke Kameradschaft und gegenseitige Anerkennung gepflegt.

Eines der seltenen Zeugnisse aus dem Leben der Mediascher Wandervögel stammt aus dem Fotoalbum des 1916 geborenen Hans Conrad von Heydendorff. Vier Knaben haben eine Mauer in einer Dorfkirchenburg erklommen, der eine von ihnen hat den Wimpel der Gruppe aufgepflanzt, auf dem man das Wappen erkennen kann. 
Das Wappen des Wandervogels stellte eine Wildgans im Flug dar. Es wurde in Anlehnung an den Text eines Gedichtes von Walter Flex gestaltet, dessen erste Zeile lautet: „Wildgänse rauschen durch die Nacht“.
Die Mediascher Wandervögel durften sich mit Erlaubnis des Rektors des Gymnasiums, Hermann Jekeli, ihr Heim im Steingässer Torturm einrichten.

Das Gymnasium besuchte ich von 1923 – 1927 mit wechselnden Zeugnissen. Die Benotungen gingen damals von 10 gleich „ausgezeichnet“ herunter bis zu 4 für „nicht hinreichend“. Wie aus meinem Abschlusszeugnis nach der Quarta (entspricht etwa der heutigen „mittleren Reife“) zu ersehen ist, bewegte ich mich immer in einer verhältnismäßig guten Mitte, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die glaubte, ich müsse weiter oben auf der Erfolgsleiter stehen. Ich aber war mehr für den Umgang im freien Spiel mit meinen Kameraden und Freunden auf der Gasse und im Wald.

1925 bekamen wir in Mediasch übrigens einen neuen Lehrer – wir sagten Professor (nach hiesigen Begriffen „Studienrat“) – für Mathematik und Physik, den wir ob seiner Zerstreutheit oft hänselten, ohne zu ahnen, dass wir eines der größten Genies dieses Jahrhunderts zum Lehrer hatten. Es war dieses Professor Hermann Oberth, heute bekannt und weltberühmt als der „Vater der Raumfahrt“.

Da ja Mediasch, meine Heimatstadt, der Mittelpunkt des Weinbaues in Siebenbürgen war, wurde auch oft und gerne dem edlen Rebensaft – unter der älteren Generation – zugesprochen. Man nützte jede Festlichkeit, auch im Rahmen der Familie und Nachbarschaft, zu gemütlichen Unterhaltungen und da jeder Handwerker damals noch einen kleineren oder größeren Weingarten betrieb, blieb es nicht aus, dass die Weine verglichen und auf ihre Qualität und Schmackhaftigkeit geprüft wurden. Damals gründeten in Mediasch zwei ältere Damen einen örtlichen Ableger des Internationalen Ordens der Guttempler (IOGT), dem dann auch eine Jugendgruppe angehörte. Die Rituale bei der Aufnahme und während der Sitzungen des Ordens waren für uns Jungen sehr ungewöhnlich, was verständlicherweise unsere besondere Neugier weckte, da man z. B. bei den Sitzungen jedes Mal feierlich erklären musste, nicht geraucht und nicht getrunken zu haben. Deshalb hatten wir auch schnell eine – unter uns Jungen – verbreitete Bezeichnung für den I.O.G.T. mit dem Spottruf „Ihr Ochsen geht trinken“.

Dr. Heinrich Siegmund (1867-1937), Stadtphysikus, gründete als überzeugter Antialkoholiker …. 
Mit einer im Stil der Zeit reich verzierten Urkunde wurde Heinrich Siegmund im Jahre 1906 die Aufnahme in die Großloge II des „Independent Order of the Good Templars“ (des „Unabhängigen Ordens der Guttempler“) Deutschlands aufgenommen. 

Diesen Abschnitt habe ich verhältnismäßig schnell abgeschlossen und widmete mich voll und ganz meiner Mitgliedschaft im Wandervogel, dessen Tätigkeiten mehr meinen Interessen entsprachen. Jedes Wochenende wurde zu sogenannten „Fahrten“ benützt, d. h. wir machten an jedem Wochenende Ausflüge und Wanderungen, auf denen wir uns selbst verköstigten, und so unsere schöne Heimat Siebenbürgen kennen und lieben lernten. Alle Jahre gab es auch noch die sogenannte „Großfahrt“ während der Schulferien in Zusammenarbeit mit den Wandergruppen aus Schäßburg, Hermannstadt, Kronstadt und anderen Städten. Die Bezeichnung „Fahrt“ lässt, nach heutigem Verständnis, vermuten, dass dazu Fahrzeuge benutzt wurden. Dem war aber nicht so. Alle diese Fahrten wurden per Pedes zurückgelegt und erstreckten sich oft über viele Kilometer, wobei wir mit Rucksack bzw. Tornister und Kochtopf sowie Kochgeschirr für die Mahlzeiten ordentlich bepackt waren. Die Mittel für diese „Fahrten“ mussten wir uns durch Arbeit in den Ferien oder bei den Bauern während der Fahrt erarbeiten.

Die Zusammenkünfte des „Wandervogels“ fanden in unserem Heim im Steingässer Turm statt. Dieser Befestigungsturm und die gesamten Befestigungsanlagen der Stadt, Stadtmauern, Basteien, Türme und Gräben sowie die Wehranlagen rund um die evangelische Kirche befanden sich damals im Besitz der Kirche. Den Steingässer-Torturm hatte uns das Presbyterium auf Befürwortung des damaligen Rektors des Gymnasiums, Hermann Jekeli, zur Benützung überlassen. Der Turm liegt am Ende der Steingasse neben der damaligen Kunstmühle des Andreas Schuster (Titz). Diese Mühle hatte den Turm über viele Jahrzehnte als Mehlmagazin genutzt und so lag der Mehlstaub fast bis zum ersten Stockwerk hoch über dem Torbogen. Wochenlang haben wir Abend für Abend den Mehlstaub aus dem Turm geholt und mit Karren bis zur Kokel gefahren und den Fluten übergeben. Die Arbeitsgruppen wurden immer am „Heimabend“ festgelegt und mussten in der kommenden Woche eben diese Arbeiten verrichten. Nachdem der Turm von allem Schmutz und Staub gereinigt war, fanden sich auch einige Handwerker, die die Treppen zu und die Zwischenböden in den einzelnen Stockwerken fertigten und verlegten. Im obersten Stockwerk wurden Pritschen aufgestellt und mit Strohsäcken belegt, so hatten wir gleichzeitig eine Jugendherberge für die Freunde aus den anderen Städten, wenn sie auf der Fahrt nach oder durch Mediasch kamen. Im Hauptstockwerk wurde der gesamte Raum mit sächsischen Möbeln ausgestattet und das große Fenster mit Vorhängen versehen und so entstand ein gemütlicher Raum für unsere „Heimabende“. Diese fanden wöchentlich zweimal statt und es wurde dabei viel diskutiert und gesungen, die Fahrten besprochen, Kartenlesen gelernt. Es war eine wunderbare Zeit und wir waren alle voller Zuversicht auf eine schöne und jedem gerecht werdende Zukunft. Leider ist ein Großteil meiner Jugendfreunde im Kriege gefallen. Ich gehöre noch zu den wenigen, die übrig sind und sich nun am Ende des Lebensweges befinden.

Für mich begannen nun weniger erfreuliche Zeiten. Vaters Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, so dass er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte. Damit waren dann auch die Einnahmen der Familie, bis auf den Verdienst meiner Mutter, zusammengeschrumpft. In den Sommermonaten (Ferien) arbeitete ich in der „Westenfabrik“ als Zuträger, d. h. ich musste zusammen mit anderen Jungen die rohemaillierten Geschirrteile, die auf Nagelbrettern in den Trockenkammern trocknen sollten, zu den Brennöfen tragen. Rechts und links je ein Brett mit den Händen tragend und ein drittes auf dem Kopf balancierend, rannten wir damit von den Trockenkammern zum Brennofen und zurück. Die Nagelbretter hatten eine Länge von ca. 1,20 Meter und je nach der darauf geschichteten Geschirrart auch ein ganz ordentliches Gewicht. Durch die Trockenkammern und die Brennöfen herrschte in den Werkhallen eine mörderische Hitze, die uns den Schweiß aus allen Poren trieb. Trotzdem war ich froh und immer guter Dinge, vielleicht auch daher, dass mir der Wert von Gut und Geld damals noch nicht so bewusst war und somit für mich alles in Ordnung schien, auch wenn meine Mutter, die eine sehr frohe Natur besaß, oft, wenn ich von unseren Fahrten heimkam, weinte und sehr traurig war.

Da es damals noch keine Krankenkassen oder Versicherungen gab und mittlerweile auch meine Mutter schwer erkrankt war und die Ärzte ihr Honorar forderten, mussten das Haus und der Weingarten an der Durleser Straße verkauft werden, um die Krankenhaus- und Arztkosten zu decken. Ich glaube, dass dieser Verlust meinem Vater auch den weiteren Lebenswillen brach, denn er wurde immer härter – auch sich selbst gegenüber – und immer unzufriedener. Immer öfter musste er das Bett hüten und sich von Mutter pflegen lassen. Nachts wachte er auf und dann wurden alle Fenster geöffnet, um ihm frische Luft zuführen zu können. Es war eine sehr, sehr schwere Zeit. In dieser Zeit bestärkte mich auch meine Mutter sehr, den Kontakt zu meinen Kameraden im „Wandervogel“ nicht zu verlieren. Alle meine Kameraden kannten die Zustände in unserer Familie und hielten sehr zu mir und halfen mir immer dann, wenn ich in einmal in Nöten war. Diese Freundschaften haben in vielen Fällen die folgenden Jahre überdauert und – soweit der Krieg sie nicht behalten hat – stehen wir noch immer in guter Freundschaft zusammen.