Matthäuspassion von Rolf Kartmann

 Rolf Kartmanns Passion nach Matthäus am Karfreitag 2026 in Mediasch aufgeführt

Von Edith Hajnalka Toth (Kirchenmusikerin) und Gerhard Servatius-Depner (Pfarrer)

Pfarrer Rolf Kartmann i.R. ist vielen von uns in Mediasch vor allem als Pfarrer der Heimatgemeinschaft Mediasch e.V. bekannt. Er erblickte das Licht der Welt am 15. Januar 1933 in Mediasch, geboren in der „Traube“ als vierter Sohn des langjährigen Pächterehepaars Daniel und Luise Kartmann. Es begleiten ihn wunderschöne Erinnerungen an das Elternhaus und an die Ferien bei den Großeltern in Hetzeldorf. Er studierte in Klausenburg und Hermannstadt Theologie und betreute über einen Zeitraum von rund 30 Jahren mehrere Gemeinden. So war er Vikar und danach Pfarrer in Thalheim bei Hermannstadt, danach in Karansebesch, Reschitz, Lugosch und anderen umliegenden Gemeinden. Ab 1977 war er Pfarrer im nahe gelegenen Eibesdorf, von wo er viele Vertretungsdienste im gesamten Mediascher Kirchenbezirk verrichtete. Nach der Schließung der Hermannstädter Kantorenschule übernahm er für ein Jahr auch die Ausbildung der Kantorenschüler. Im Jahr 1989 übersiedelte er nach Deutschland, wo er in Böblingen mehrere Jahre in der Sozialberatung für Aussiedler und in der Aussiedler-Seelsorge tätig gewesen ist. Nach seiner Pensionierung begann er eine vielfältige ehrenamtliche Tätigkeit in mehreren Verbänden.

So gerne Rolf Kartmann Pfarrer war, er war immer auch Musiker und seine Liebe zur Musik, insbesondere das Klavier- und das Orgelspiel wie auch der Gesang, haben ihn sein ganzes Leben begleitet und getragen. Im Jahr 1963 fand er in seiner ersten Pfarrgemeinde Thalheim ein siebenbürgisches Gesangbuch von 1900, in dessen Anhang die „Passion nach Matthäus Kapitel 26 und 27“ abgedruckt ist. Unterbrochen wird der Bibeltext aus dem Matthäusevangelium von Gesangbuchliedern, die die Gemeinde singt und von Texten, die dem Chor zugeschrieben sind. Da er keine Noten für den Chor vorfand, komponierte er selbst für seinen Thalheimer Kirchenchor sieben dreistimmige Sätze für Sopran, Alt und Männerstimme, die im Laufe der Passionsgeschichte gesungen werden.

Siebenbürgisches Gesangbuch von 1900, im Anhang die „Passion nach Matthäus Kapitel 26 und 27“.

Die damaligen handgeschriebenen Originalnoten habe er immer noch, erzählt der Komponist. Bei der Uraufführung 1963 wurden die Chorpassagen der Passion mit je vier Sopran-, Alt- und Männerstimmen aufgeführt. Bei Chorausflügen wurde das Werk danach auch in Nachbargemeinden sowie in Mediasch, Rolfs Heimatstadt, aufgeführt. Nach dem er sich viele Jahre später in Deutschland niedergelassen hatte, konnte die Matthäuspassion auch mit dem Chor in Egenhausen bei Nagold/Schwarzwald aufgeführt werden, den er 19 Jahre lang geleitet hat. Rund 500-mal sei er in jener Zeit immer mittwochs zu den Proben und einmal im Monat zu einem Auftritt mit diesem Chor gefahren. 62 Jahre später, 2025, wurde die Passion in der Evangelischen Christuskirche am Bubenbad in Stuttgart aufgeführt. Karfreitag 2026 hat sie der Mediascher Familienchor, unter der Leitung der Kirchenmusikerin Edith Hajnalka Toth, erneut zum Klingen gebracht. Gemeinsam wurde gesungen, gesprochen, die Passion durchlebt.

Das Evangelium wurde abwechselnd von Pfarrerehepaar Hildegard und Gerhard Servatius-Depner gelesen, die Sprecherrollen übernahmen Jonathan Servatius-Depner für Jesus, Erich Eckehardt Popescu für Petrus, Wilhelm Untch den Hohepriester, Joep van Heeswijk für Judas und Martin Christian Schapper für Pilatus. Dazu fügen die unterschiedlichen Frauenstimmen sich dramatisch in die Leidensgeschichte ein – als Frau des Pilatus (Tony Timmermann), als Mägde (Ruth Wopalka, Alex Mädchen, Nina Baciu, Anke Denzler), als Volk der ganze Chor und schließlich die Vorübergehenden (Sophia Popianos, Katharina Servatius-Depner, Bianca Pop) In dieses Geschehen greift die anwesende Gemeinde immer wieder mit passenden Choralstrophen ein. Sie antwortet oder sieht sich verantwortlich für das, was Jesus in seinen letzten Erdentagen erleidet.

Nach der Aufführung der „Matthäus-Passion“ am Karfreitag in Mediasch scharen sich die Ausführenden um den Komponisten Rolf Kartmann (sechster von links), links neben ihm die Kirchenmusikerin Edith Hajnalka Toth, die Dirigentin der Aufführung. (Foto: Kirchengemeinde Mediasch)

Zum einen hat sich der Mediascher Familienchor mit der Aufführung der Kartmann-Passion sehr schön in die Tradition der Mediascher Lesegottesdienste eingefügt. Noch viel tiefer reichen die Wurzeln in die siebenbürgische Kirchenmusiktradition der Dicta und des „Absingens der Passion“. Im Hermannstädter Staatsarchiv befindet sich die älteste Handschrift von 1706 der „Musicalisch-Erbauliche Sabbaths-Andacht das ist Harmonien auff alle Sonn- und Fest-Tage mit 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19 und mehr Stimmen componieret von Johan Sartoris Holzmangyen, Cantor Cibin: Anno 1706“ Der in Marpod geborene Johann Sartorius der Ältere (1682-1756) war wohl der erste, der für jeden Sonntag und jeden Festtag ein Dictum komponiert hat.

Bis 1899 waren die Texte aller Dicta im Anhang der Gesangbücher zu finden. 200 Jahre lang wurde die unterschiedlichste Musik dazu komponiert, zu den immer gleichen Texten und dem gleichen vorgeschriebenen Aufbau: solistisch, chorisch, Duette, Terzette. Die Bibelworte wurden künstlerisch bearbeitet, worauf die Gemeinde mit bekannten Choralstrophen antwortete. Martin Fay (1725-1786) ist der wohl bedeutendste Mediascher Stadtkantor, später Prediger in Mediasch und dann Pfarrer in Scharosch, der einen ganzen Jahrgang von Dicta komponierte.

So ist auch die Passion Christi Teil dieser langjährigen Tradition. 1900 wurden die Dicta im Anhang der Gesangbücher nicht mehr gedruckt, die Passion aber blieb. Sehr bekannt ist „Die Leidensgeschichte unseres Herrn“ von Rudolf Lassel (1861-1918), der die Texte für den Gründonnerstag vertonte. Vollendet wurde das Werk 100 Jahre später, in einem ganz anderen Stil, von Hans Peter Türk (*1940) mit der „Siebenbürgischen Passionsmusik für den Karfreitag“, komponiert 2006.

Schlichter und für kleinere Chöre zugänglicher reiht sich nun die Kartmann-Passion in die Tradition der siebenbürgischen Kirchenmusik ein. In Dankbarkeit und Ehrfurcht durfte der Mediascher Familienchor, im Beisein des Komponisten, am Karfreitag, dem 3. April 2026, sein Werk aufführen, im Beisein von Menschen, die von nah und fern angereist waren und in das Geschehen mit einstimmten und sich davon berühren ließen. Gemeinsam den schwersten Weg Jesu zu erleben, zu hören, zu fühlen, hat uns als Christen noch stärker miteinander verbunden. So konnte das Halleluja am Ostersonntag wie aus einem Munde laut und fröhlich erklingen.

Rolf Kartmann.

 „Matthäuspassion“ von Rolf Kartmann in Stuttgart aufgeführt

Von Von Thomas Volkmann und Hansotto Drotloff

Am 16. April 2025 wurde in der Evangelischen Christuskirche am Bubenbad in Stuttgart eine ganz besondere Komposition aufgeführt: Die „Matthäuspassion“ von Rolf Kartmann. Viele, die ihn kennen, werden erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass es eine solche Komposition gibt, auch der Verfasser dieses Vorspanns gehört zu ihnen. Es ist wohl der Bescheidenheit unseres Freundes Rolf zuzurechnen, dass er zwar in der Heimatgemeinschaft Mediasch und darüber hinaus als Pfarrer und auch als leidenschaftlicher Musiker bekannt ist, nicht aber als Komponist. Umso mehr freut es uns, ihn an dieser Stelle nun auch als Komponisten eines geistlichen Werkes vorstellen zu dürfen. Wir greifen dazu auf einen Beitrag von Thomas Volkmann zurück, mit dem das Konzert am 15. April 2025 in der Sindelfinger Zeitung angekündigt wurde, ergänzt durch einige Details, die Rolf im Gespräch mitgeteilt hat. (hd)

Tonaufnahme der Matthäuspassion von der Aufführung in Stuttgart 2025

 

Als junger Mann wollte Rolf Musiker werden und hat ursprünglich auch Musik in Klausenburg studiert, musste dann aber aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung auf Theologie umschwenken. In seiner ersten Pfarrgemeinde hätte er gerne einen Chor gegründet, doch kam dieser in dem kleinen, vielleicht 250 evangelische Gemeindeglieder fassenden Ort, aus Mangel an guten Sängern nicht zustande. Zu seiner Matthäuspassion inspirierte ihn eine Fassung der „Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus“, wie sie im Anhang des Gesangbuchs der evangelischen Kirche in Siebenbürgen aus dem Jahre 1900 abgedruckt ist. Nach dieser Vorlage sollten die Gemeinde und ein Chor die Passion Christi in sieben Bildern im Wechselgesang erzählen, wobei in der Vorlage nur Noten für den Gesang der Gemeinde existieren; für den Chor ist lediglich der zu singende Text abgedruckt.

Für seine Komposition dachte sich Rolf Kartmann eine Kombination mit Sprechrollen aus. Für den Chor vertonte er die sieben Textstellen aus der Vorlage, und zwar für Sopran, Alt und Männerstimme. Die damaligen handgeschriebenen Originalnoten habe er immer noch, erzählt der Komponist. Bei der Uraufführung 1963 wurden die Chorpassagen der Passion mit je vier Sopran-, Alt- und Männerstimmen aufgeführt. Bei Chorausflügen wurde das Werk danach auch in Nachbargemeinden sowie in Mediasch, Rolfs Heimatstadt, aufgeführt. Nach dem er sich viele Jahre später in Deutschland niedergelassen hatte, konnte die Matthäuspassion auch mit dem Chor in Egenhausen bei Nagold/Schwarzwald aufgeführt werden, den er 19 Jahre lang geleitet hat. Rund 500-mal sei er in jener Zeit immer mittwochs zu den Proben und einmal im Monat zu einem Auftritt mit diesem Chor gefahren.

Zu seinem 90. Geburtstag vor zwei Jahren hatte sich Rolf Kartmann, der in den 90er Jahren im Kreis Böblingen als Aussiedlerseelsorger gewirkt und auch den Chor der Siebenbürger Sachsen Kreis Böblingen geleitet hatte, nochmals eine Aufführung seiner Komposition gewünscht. Nun durfte er sich freuen, seine von Orgelmusik begleitete Passion nach Kapitel 26 und 27 des Matthäusevangeliums von einem großen ökumenischen Chor interpretiert zu erleben. Die Sprecherrolle des Jesus wurde dabei von seinem als Schlagzeuger aktiven Sohn Daniel übernommen. Wir Mediascher freuen uns mit Rolf Kartmann über dieses gelungene Konzerterlebnis und hoffen darauf, eine Aufzeichnung seines Werkes hören zu dürfen.

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