Der Medwescher Tramiter

 Eine Schatzkiste zwischen zwei Buchdeckeln

Von Dagmar Draser

Das Buch „Der Medwescher Tramiter“ war anfangs eine besondere Herausforderung für mich und dürfte es auch für viele andere Leser sein. Das Siebenbürger Sächsisch, meine Muttersprache, die meine Kindheit und Jugend begreifbar und (er)lebbar machte, ist den Angehörigen meiner Generation vorwiegend als gesprochene Sprache vertraut. Als Schriftsprache wurde Hochdeutsch verwendet. Mittlerweile hat sich die Lebenssituation vieler von uns verändert, oft ist in der neuen Heimat das Hochdeutsche zur alleinigen Kommunikationssprache geworden und daher ist das Lesen und Verstehen des schriftlichen „Medwescher Saksesch“ nichts Alltägliches. Die einzigen Leseübungen – oft nicht einfach – waren für mich bisher Texte aus der gleichnamigen Mundartbeilage des „Mediascher Infoblatts“. Und nun ein ganzes Buch!

Die siebenbürgisch-sächsische Mundart, die sich im Laufe von 800 Jahren innerhalb des Karpatenbogens entwickelt hat, gilt mittlerweile als gefährdet. Durch ihre Abgeschiedenheit von verwandten Sprachräumen hat sie viele Eigenheiten mittelalterlicher Sprachen behalten und es ist wichtig und wünschenswert, sie vor dem Aussterben zu bewahren.

Vor diesem Hintergrund weiß ich die vorliegende Anthologie besonders zu schätzen, ist sie doch wie eine Schatzkiste voller „Kulturjuwelen“, in der Mundart meiner Heimatstadt Mediasch. Herausforderung angenommen, ich nähere mich dem Buch mit Neugier und Respekt.

Bereits das Titelbild stimmt nostalgisch. Das Bild eines Paares in traditioneller sächsischer Tracht das ein übergroßes Glas mit der Aufschrift „Saksesch Sproch“ / Haoltbuer bäs…“ trägt, ist bezeichnend für die Absicht des Buches: es ist der sorgfältige Versuch, unsere Sprache über einen möglichst langen Zeitraum zu bewahren.

Und wie es sich für eine Schatzkiste gehört, glänzt und glitzert es bunt durcheinander. Die Beiträge, nach dem Jahr ihrer Veröffentlichung in der gleichnamigen Mundartbeilage geordnet, laden dazu ein, zu stöbern und sprachliche Kostbarkeiten zu bestaunen.

Ich entdecke Werke siebenbürgischer Dichter, die bereits mein Vater gerne zitierte: „Et schnoat, et schnoat, et rampelt Floken…“ aus einem Gedicht des Mediascher Dichters Schuster Dutz erinnert mich an heimatlich-vertraute Zeiten. Und immer wieder finde ich Stimmungsbilder, die Heimweh erwecken, sei es in Naturgedichten oder in Werken, die vertraute Orte beschreiben. Greweln, Tramiterturm, Klettengasse oder die Schulen unserer Kindheit entstehen vor meinem inneren Auge und erwecken Sehnsucht.

Viele Gedichte und kurze Erzählungen sind zu Zeitbildern des siebenbürgischen Familien- und Gemeinschaftslebens aus vergangenen Jahren geworden, häufig satirisch, oft mit einem Augenzwinkern skizziert. Es werden lustige Alltagssituationen dargestellt, in welchen Auseinandersetzungen in der Ehe oder zwischen Eltern und Kind, der zechende Ehemann, der lernfaule Schüler, der ungeschickte Jäger, die streitlustige Ehefrau und, und, und… liebevoll aufs Korn genommen werden. Dann wieder finde ich Gedichte zu gesellschaftlichen Ereignissen wie eine Hochzeit, der „Chrästowend“ in der Stadtkirche, Jahrmarkt früher und heute und vieles mehr, das so vertraut anmutet, als sei man selber dabei gewesen.

An anderer Stelle finde ich kurze Chroniken über das Leben und Wirken bekannter Künstler, aber auch nachdenkliche Gedichte mit besinnlich-philosophischen Überlegungen.

Die neueren und zeitgenössischen Werke der Anthologie vermitteln ein spürbar verändertes Lebensgefühl. Nach der Auswanderung der großen Mehrheit der Siebenbürger Sachsen, vorwiegend nach Deutschland und Österreich prägen neue Lebensumstände das Dasein und verändern Lebensweise und Lebenseinstellung. Auch das vertraute Siebenbürger Sächsisch weicht mehr und mehr dem Hochdeutschen oder den Mundarten der neuen Heimatregionen. Die Frage nach Zugehörigkeit, Tradition und den Werten kulturellen Erbes wird zu einem zentralen Thema. Bleibt ihre Bewahrung unter diesen Bedingungen sinnvoll und möglich?

Die neueren Werke greifen beides auf sowohl die Auswanderung als auch die Auseinandersetzung mit den neuen Lebensumständen, nicht selten gepaart mit Rückblicken auf und Vergleichen mit bis dahin Vertrautem, als auch die Frage der Identität und Gemeinschaft in der neuen und der alten Heimat.  

Wir finden Gedichte und kurze Erzählungen, die wehmütig oder lustig die letzten Feiertage in der alten Heimat und gleiche Feiertage in der neuen Heimat beschreiben und einander gegenüberstellen, satirisch-humorvolle Berichte über Auseinandersetzungen mit Ämtern oder Behörden oft mit Bezug zu ähnlichen Erlebnissen in der alten Heimat. Neben nostalgischen Erinnerungen finden wir aber auch immer öfter die Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen, von der Pandemie bis zu wichtigen Fragen zu Politik, Sozialem oder Klimawandel.

Die Fragen zum Erhalt einer kulturellen Gemeinschaft, der Pflege von Traditionen und deren Weitergabe an die kommenden Generationen finden sich vorwiegend in Prosatexten. Besonders in den zahlreichen „Gedonken of Noasaksesch“ setzt sich deren Autor damit auseinander. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Aussage „Mer wällen blewen watt mer sen“ wird gestellt und die Antwort und Entscheidung dazu jedem einzelnen überlassen. Das Thema des Zugehörigkeitsgefühls und der Verbindung zur alten Heimat wird aufgegriffen, oft ironisch („Mer wulen norr uch norr eweech…!“), und humorvoll, nie mit erhobenem Zeigefinger. Dass es möglich ist, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, zeigen die vielen Berichte von und Einladungen zu den verschiedensten Veranstaltungen mit Freunden und Bekannten aus Mediasch.

Nicht zuletzt geben die vielen Zeichnungen und Karikaturen von Wolfgang Untch dem Buch eine ganz besondere Note. Oft wirken sie mit leichter Feder gezeichnet, aber auf den zweiten Blick erschließt sich ein tieferer Sinn, lustig oder ernst, besinnlich oder satirisch. Auf alle Fälle waren sie für mich meistens leichter zu „lesen“ als manches Gedicht, stimmten mich aber nicht minder nachdenklich, brachten mich einfach zum Lachen – oder beides.

Günther Schuster, Ingrid Fillinger und Wolfgang Untch haben als Herausgeber und Co-Autoren mit dieser Anthologie einen wunderschönen Beitrag zum Erhalt von „Aold- und Noasaksesch“ geleistet. Wie und wo kann all das besser aufgehoben sein als zwischen den Buchdeckeln des „Medwescher Tramiter“?

Abschließend bin ich froh darüber, die Herausforderung „Saksesch liesen“ angenommen zu haben und kann es nur empfehlen, es selber auch zu versuchen. Wenn es schwierig wird: Laut Lesen hilft. Die Herausforderung kann gerne auch weiter verschenkt werden… Es weihnachtet…