Die Rosengässer Nachbarschaft in Mediasch.
Von Reinhold Kraus
Strahlende und lachende Gesichter hatten die 60 Teilnehmer des 12. Rosengässer Treffens, welches am 27. September 2025 in Mönchsroth bei Dinkelsbühl stattfand. Es war eine Vertrautheit zu spüren, wie wir sie aus der Rosengasse in Mediasch kannten, obwohl 35 Jahre vergangen sind, seit dem die letzten Rosengässer nach Deutschland ausgesiedelt sind. Diese Verbundenheit hat ihre Wurzeln in der engen Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft, die zwischen den Familien herrschte, welche in den 33 Häusern der Rosengasse wohnten. Der Großteil der Familien waren Siebenbürger Sachsen. Wir lebten in Harmonie mit Ungarn, Rumänen und Juden.
Das erste Rosengässer Treffen organisierte Anneliese Giersch (geb. Zeck) bereits 1991. Es folgten weitere zehn in einem Zwei-Jahres-Rhythmus bis 2019. Der Ablauf: gemeinsames Mittagessen, Kaffee und Kuchen und danach legte „Gangi“ Giersch Musik auf und lockte Jung und Alt auf die Tanzfläche. Anneliese gebührt ein besonderer Dank, weil sie uns über viele Jahre große Freude bereitete und unsere kleine Nachbarschaft am Leben erhielt.
Nachbarschaften spielen im siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaftsleben seit dem 12. bis zur Aussiedlung im 20. Jahrhundert eine große Rolle. Sie waren eine Organisationsform, die das gesamte öffentliche Gemeinschaftsleben regelte und gleichzeitig waren sie eine moralische Instanz und ein Kontrollorgan. Die Aufgaben der Nachbarschaften bestanden im Wesentlichen in der Hilfeleistung bei den bedeutenden Ereignissen in Familien, wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sowie für die Beilegung von Ehe- und Nachbarschaftsstreitigkeiten. Aber auch die Hilfe beim Bau oder der Renovierung sowie bei gemeinschaftlichen Aufgaben wie der Instandsetzung von Wegen und Gräben. Des Weiteren achtete sie auf die Einhaltung der Traditionen und der Sittlichkeit. Die Nachbarschaft in der Rosengasse hatte keine geregelten Strukturen und erfüllte vielleicht nicht alle aufgezählten Aufgaben, doch die Grundeigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Akzeptanz, Respekt und Zusammenhalt wurden gelebt.
Die Rosengasse entstand in den 1920er Jahren, als der Birthälmer Johann Schneider ein Grundstück in Mediasch kaufte, welches an die Pretaier Straße grenzte, und er die Parzellen meist an Siebenbürger Sachsen verkaufte. Helmut Schuller, sein Urenkel, erzählte mir, wie es zur Namensgebung kam: Als Johann Schneider beim Amt für die Grundbucheintragung vorstellig wurde, um die zukünftige Straße zu benennen, sagte die Bedienstete zu ihm: „Sie haben drei Töchter, die so hübsch sind wie Rosen, deshalb soll die Straße Rosengasse heißen“. Eine nette Geschichte. Die meisten Käufer kamen aus den Dörfern rund um Mediasch. Hauptgrund war die fortschreitende Industrialisierung. Auf den Dörfern konnten die Familien aufgrund der Enteignung und Kollektivierung nicht mehr alle Familienmitglieder ernähren. Die Familien, die in der Rosengasse Häuser bauten oder kauften waren: Familie Schuller aus Waldhütten und Birthälm, Familie Tischler aus Hetzeldorf und Michelsberg, Familie Zeck aus Urwegen und Mergeln, Familie Schuller (Lipot) aus Broos und Waldhütten, Familie Wachsmann aus Birthälm und Mergeln, Familie Tausch aus Mediasch und Hermannstadt, Familie Petrovoy aus Sighetul Marmaţiei und Mediasch, Familie Kraus aus Donnersmarkt und Scharosch, Familie Binder aus Irmesch und Pretai, Familie Krestel aus Almen und Hetzeldorf, Familie Ungar aus Mediasch und Hetzeldorf, um nur einige Beispiele zu nennen.
Wie sah die Nachbarschaftshilfe und Zusammenarbeit in der Rosengasse aus? Sie umfasste die gegenseitige Unterstützung im täglichen Leben, wie das gegenseitige Ausleihen von Lebensmitteln oder Kinderkleidung, die Nachbarn passten gegenseitig auf die Kinder auf, es wurden Feiern organisiert. Des Weiteren erstreckte sie sich auf gemeinsame größere Vorhaben, zum Beispiel beschlossen die Rosengässer in den 1960er Jahren in eigener Regie Wasser- und Kanalleitungen einzuführen, da die Stadt zu der Zeit keine Budget dafür hatte. Mein Vater, Michael Kraus, war damals „Deputat“ (Abgeordneter) und konnte dieses Vorhaben auf städtischer Ebene durchsetzen. Sogar die Betonrollen für den Kanal (Abfluss) wurden in unserem Hof gegossen. Die Gräben wurden selbst ausgehoben, keine einfache Aufgabe, da der Boden aus Aufschüttungen bestand. Eine große Hilfe waren die jungen unverheirateten Männer, die in der Rosengasse im Quartier (zur Miete) wohnten. Während der Grabungen stand immer ein Fass Wein auf dem Trottoir, dessen Inhalt, der selbst erzeugte Wein, die Arbeitsmoral förderte. Auch nach den beiden Überschwemmungen 1970 und 1975, als der Pegelstand 2,5m hoch war, halfen sie tatkräftig beim Säubern und der Beseitigung der Schäden. Die Mädels und Jungs kamen mit 14 Jahren in die Stadt, um einen Beruf zu erlernen, blieben ca. 3-8 Jahre oder länger in der Rosengasse und gehörten zur großen Rosengassenfamilie. Einige heirateten Rosengässer/innen und blieben für immer. Mit dabei waren sie auch bei den Familienfeiern, Hochzeiten, Geburtstagen usw. Sie organisierten viele Partys mit großem Unterhaltungswert. Über all die Jahre hinweg wurden viele Partys in den Häusern und Kellern der Rosengasse gefeiert. Sicherlich erinnern sich einige der Leser an diese ausgelassenen und tanzintensiven Feiern, mit Rock ’n‘ Roll Wurf-Figuren und Foxtrott, als im Dunkeln oder Hellen um die Gunst der Mädels geworben wurde.
Eine große Hilfsbereitschaft gab es auch zwischen den drei Metzgerfamilien der Rosengasse, Familie Michael und Johanna Kraus, Michael und Anna Zeck und Roland und Annemarie Binder. Sei es durch Ausleihen von Därmen, Gewürzen, Stroh oder durch tatkräftige gegenseitige Hilfe beim Schweineschlachten selbst. Konkurrenz gab es keine. Obwohl das Schweineschlachten körperlich anstrengend war, da es in der kalten Jahreszeit im November und Dezember stattfand, herrschte meist eine entspannte, heitere Atmosphäre, auch gefördert durch einen Stamperl „Pali“ oder Wein, den die Kunden mitbrachten. Viele Nachbarn haben mitgeholfen, da die Anzahl von Schlachtungen mit den Jahren zunahm. Bis zu 15 Helfer arbeiteten in der Wintersaison in der Metzgerei und Räucherkammer der Familie Kraus. In Zeiten des Mangels an Lebensmitteln, insbesondere in den 80er Jahren, half man sich gegenseitig mit Fleischwaren, Brot (Herr Jukeresch arbeitete in der Brotfabrik – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, Anm. d. Red.), Käse usw. Die Kleider wurden von „Misch-Onkel“ (Michael Zeck) geschneidert, der den Jugendlichen all ihre Wünsche erfüllte, obwohl sie oft ausgefalle Modevorstellungen hatten: Es war die Flower-Power-Zeit mit Miniröcken und Schlaghosen und bunten Pullundern in den 70ger Jahren.
Beim letzten Treffen im September 2025 hielt ich einen Vortrag über die Geschichte von Mediasch und der Rosengasse und zeigte Fotos aus den 1960er bis 1990er Jahren. Der Vortrag begann mit Gedenken und Fotos der Verstobenen, welche einige natürlich zu Tränen rührten. Uns wurde außerdem bewusst, was unsere Eltern alles geleistet haben. Es war Nachkriegszeit, Lebensmittel waren rationiert, die Eltern waren mit dem Hausbau oder der Erweiterung der Wohnräume und mit der Beschaffung des Notwendigsten beschäftigt, damals keine leichte Aufgabe. Dennoch haben sie für die Kinder aus der Rosengasse Faschings- oder andere Feiern organisiert, einen Spielplatz an der „Bahnlinie“ gebaut, uns ermöglicht, an den Freizeitaktivitäten, welche die Schulen und die Sportschule angeboten haben, teilzunehmen. Dieses Handeln können wir erst jetzt richtig schätzen und würdigen. Für uns Kinder war die Gasse ein Paradies, da wir hier die meiste Freizeit verbrachten. Beliebt waren Fußball, Verstecken, Klepsch spielen, am Lagerfeuer Kartoffeln braten oder Gitarre spielen. Wir lernten viel voneinander und spornten uns gegenseitig an. Unterstützt haben wir uns auch gegenseitig beim Lernen für die Schule und, wo es nötig wurde, Nachhilfe geleistet. Wir spielten im Sportverein Textila Fußball, einige machten Leichtathletik in der Sportschule, später spielten viele von uns in den Handballmannschaften der Firmen Automecanica, Voinţa und Relee. 1980 rief Werner Lipot einen Karate-Verein im Axente-Sever-Lyzeum ins Leben, 1985 gründete ich den Wanderverein Adonis im Automecanica Betrieb (später Alpingruppe Adonis) und Otto Wachsmann den Wanderverein Genţiana in der Relee Fabrik. Der Geografie-Professor Günter Zeck entfachte die Sehnsucht nach der großen Welt, die wir nach der Übersiedlung nach Deutschland ausleben konnten.
Beim letztjährigen Treffen war die älteste Teilnehmerin Hildegard Zeck mit 87 Jahren und der jüngste Noel Wiater (Sohn von Heike Kraus), drei Jahre alt. Erfreulich, dass viele Kinder der Rosengässer, die hier in Deutschland geboren sind, dabei waren. Einige sprechen sogar sächsisch und fühlten sich wohl in unserer Gemeinschaft, da sie einiges über ihre Wurzeln, von bedingungsloser Hilfsbereitschaft und Freundschaft erfahren. Die Atmosphäre war wie immer angenehm, lustig und bescheiden. Man musste kein Blatt vor den Mund nehmen. Bei Kaffee und den mitgebrachten leckeren Kuchen wurden Geschichten erzählt, die emotionsgeladene Erinnerungen weckten und man freute sich über die Erzählungen des Erreichten in der neuen Heimat. All das löste Zufriedenheit aus und Glücksgefühle wurden entfacht.
Am Abend des Treffens traten einige die Heimreise an, andere übernachteten im Gasthof in Mönchsroth. Der Wunsch war unisono, dass das Rosengässer Treffen in zwei Jahren erneut stattfinden soll, um uns auf das Wiedersehen zu freuen, dem Zusammenhalt weiterhin eine Bühne zu geben sowie die Heimatstadt Mediasch in unseren Herzen wach zu halten. Nach dem Motto: „Mach Dir die Fremde zur Heimat, aber lass Deine Heimat nie zur Fremde werden“.







